Die vier Säulen des athletischen Ehrenkodex: Das macht wahre Athleten aus!

Die vier Säulen des athletischen Ehrenkodex: Das macht wahre Athleten aus!

Was macht einen wahren Athleten aus? Ist es die reine Leistung, der Grad der Fairness oder die Anzahl der Trainingsstunden, welche die AthletInnen wie Maschinen abspulen? Oder muss er heroisch wie ein Spartaner leben und fighten? In diesem Beitrag erörtere ich die vier Säulen des „athletischen Ehrenkodex“, welche auch eine wichtige Grundlage der Theoriebildung meiner ersten Magisterarbeit (Schuster, 2011) im Studium Sportwissenschaften mit dem fachlichen Schwerpunkt Sportpsychologie war. Doch der wahre Athlet vereint nicht nur eine Säule des athletischen Ehrenkodex, sondern sogar alle Vier!

Was macht den wahren Athleten aus?

Ist der wahre Athlet eher wie Christiano Ronaldo oder doch eher wie Lionel Messi. Oder stechen SportlerInnen wie Michael Jorden, Marcel Hirscher, Ryan Giggs oder Kelly Slater beide aus? Diese Frage möchte ich hier nicht beantworten, da solch ein Wetteifern wer doch der perfekte Typus sei auch sehr subjektiv geprägt ist. Vielmehr stellt sich die Frage: WAS macht wahre AthletInnen nun aus? Sind es eher körperliche oder rein mentale Aspekte? Wären es rein körperlichen Aspekte, müsste man dann auch SiegerInnen der Paralympics absprechen, dass sie wahre Athleten wären nur weil sie keine Beine haben? Dieses Beispiel führt darauf hinaus, dass das rein Körperliche den wahren Athleten eher nicht auszeichnen.

Rollstuhlsport
Wettkampfsport im Rohllstuhl: Auch sie haben einen athletischen Ehrenkodex!

Um die Frage nach dem idealen Athleten zu beantworten, möchte ich in diesem Beitrag auf die theoretischen Grundlagen des wahren Athleten (=real athlete) nach Hughes & Coakley (1991) eingehen.

In meiner ersten Magisterarbeit habe ich unter Anderem den Einfluss des athletischen Ehrenkodex – in Form exzessiver Verausgabungsbereitschaft – auf das motivationale Trainingsklima (siehe auch: Optimales Motivationsklima. Was Führungskräfte aus der Sportpsychologie lernen können!) und die damit verbundenen Sportverletzungen untersucht. Untersucht hatte ich damals 131 Fußballspieler aus 10 österreichischen Amateurvereinen. Eine Zusammenfassung davon möchte ich in einem zukünftigen Artikel vornehmen. Doch zunächst möchte ich auf die vier Säulen des athletischen Ehrenkodex eingehen.

Den athletischen Ehrenkodex exzessiv leben

Aufgrund der Komplexität abweichenden Verhaltens im Sport konzentrieren sich Hughes & Coakley (1991) auf sportspezifische Werte und Normen, welche als sport ethics (= athletischer Ehrenkodex) bezeichnet werden. Wer diesen ‚Ehrenkodex‘ lebt, kann durchaus als real athlete (= wahrer Athlet) bezeichnet werden. Wenn sich Athleten und Athletinnen dieser Ethik verstärkt hingeben, so wird diese positive Abweichung als exzessive overconformity to the sport ethics (= exzessive Verpflichtung zum athletischen Ehrenkodex). Ein bedeutender Aspekt ist, dass die exzessive Bindung zu den sport ethics (exzessive Verpflichtung) von den Athleten und Athletinnen selbst als normal wahrgenommen wird. Dies liegt nach Hughes und Coakley (1991) wohl daran, dass diese Normen im Feld des Hochleistungssports als selbstverständlich gelten.

Triathlet auf Zeitfahrrad

Dies bedeutet, dass eine exzessive Verpflichtung zum athletischen Ehrenkodex auch innerhalb von Teams die Norm ist und auch eine Rollenidentität vorgibt. Wer dieser Rollenidentität nicht genügt und stark davon abweicht, wird auch Schwierigkeiten haben, in einem Team als vollwertiger Athlet akzeptiert zu werden.

Sport ethics: Die 4 Säulen des athletischen Ehrenkodex

Die Sportethik bezieht sich nach Hughes und Coakley (1991) auf die Glaubensgrundsätze, welche Sportler und Sportlerinnen, sowie Trainer und Trainerinnen als relevant ansehen, um als ‚echter Athlet‘ angesehen zu werden. Diese wurden aus der Analyse von Biografien erfolgreicher Sportler und Sportlerinnen, sowie Aussagen von Trainern und Athleten abgeleitet. Folgend werden die vier Glaubensgrundsätze der sport ethics erörtert:

Ehrenkodex im Sport
Ehrenkodex für AthletInnen: Diese vier Aspekte machen einen wahren Athleten aus

I – Das Opfer für das höhere Ziel

Ein echter Athlet bringt Opfer im Spiel: Die Idee dahinter ist, dass echte Athleten und Athletinnen das Spiel über alles lieben müssen. Sie müssen auch beweisen, dass sie andere Interessen für ihren Sport unterordnen. In diesem Sinne müssen Athleten und Athletinnen alles Notwendige tun um die Ansprüche des Teams und des Wettkampfs zu erfüllen. Um erfolgreich zu sein, müssen also Opfer gebracht werden.

Für einen Großteil der HochleistungsathletInnen ist es selbstverständlich alles dem großen Ziel unterzuordnen. Sportverletzungen, Doping oder unfaires Verhalten sind mögliche Folgen. Vor allem dann, wenn der Erfolg nicht zu 100% durch eine bessere Leistungsfähigkeit erzielt werden kann. Sportpsychologische Studien zu Doping im Hochleistungssport offenbarten in anonymen Befragungen (siehe auch Weinberg & Gould) von Top-AthletInnen auch, dass diese bereit wären ein hohes Sterberisiko (nur wenige Jahre nach dem Olympiasieg) einzugehen, wenn diese dafür auch mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit mit einer olympischen Goldmedaille belohnt werden würden.

II – Ruhm, Ruhm, Ruhm!

Ein echter Athlet strebt nach Ruhm und Ehre: Das olympische Motto „höher, schneller, weiter“ beschreibt die Bedeutung dieses Glaubensgrundsatzes am treffendsten. Echte Athleten und Athletinnen wollen sich stets verbessern und streben nach Perfektion in ihrer Sportart. Der Sieg in Wettkämpfen hat hohen Symbolwert, und Niederlagen werden als Teil wichtiger Erfahrungen zum Erfolg betrachtet. Es geht stets darum andere zu übertreffen. Doch die ultimative sportliche Leistung ist das Aufstellen neuer Rekorde. Der Athlet oder die Athletin möchte außergewöhnliches vollbringen und auch Anerkennung von außen ist ihm/ihr wichtig.

Wer kennt ihn nicht, Zack Synder´s Meisterwerk „300“. Die Szene als König Leonidas seine 300 heroischen Spartaner rufend fragt: „Was ist euer Handwerk!“. Seine spartanischen Krieger riefen ihm zu, synchron „Ruhm! Ruhm! Ruhm!“. Diese hatten zumindest auch diese Säule des athletischen Ehrenkodex verinnerlicht. Sie kämpfen für Ruhm und Ehre. Nicht für Geld, sondern für die ultimative Anerkennung, weit über das Schlachtfeld hinaus. Und auch weit über deren Lebenszeit hinaus. Denn das ist es ja auch grundsätzlich, was das Heldentum ausmacht.

III – Ein wahrer Athlet kennt keinen Schmerz

Ein echter Athlet geht Risiken ein und hält Schmerzen aus: Der Körper wird zugunsten höherer Ziele instrumentalisiert. Auch bei starken Schmerzen werden Training oder Wettkampf fortgesetzt. Es gilt durchzuhalten, mutig zu sein und das körperliche Leid zu dulden. Auch in Sportarten, wo die Verletzungsgefahr als sehr hoch gilt, zeigen die Athleten und Athletinnen Mut, Einsatzwillen und Durchhaltevermögen.

Sind Sportler und Sportlerinnen bereit ihre eigene Gesundheit für den sportlichen Erfolg zu opfern? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Immer wieder sprechen Athleten und Athletinnen von der Bereitschaft in ihrer Sportart Schmerzen zu erleiden, um ihre Kontrahenten und Kontrahentinnen im Wettkampf zu übertrumpfen. Der sportliche Erfolg und die damit verbundene soziale Anerkennung scheinen ihnen wichtiger als die Gesundheit zu sein. Es klingt banal, dass eine derartige Einstellung das Verletzungsrisiko fördert. Ein herausragendes Beispiel ist der ehemalige Basketball-Star Isiah Thomas, welcher in den NBA-Finals 1988 trotz einer akuten Knöchelverletzung – unter Schmerzen und sichtbarer Bewegungseinschränkung – im dritten Viertel 25 Punkte erzielt hat. Für diese Sportler und Sportlerinnen gilt es als selbstverständlich sich über ihre physischen Grenzen hinweg zu verausgaben.

VI – Nichts unversucht lassen, absolut gar nichts!

Ein echter Athlet versucht alles um seine Möglichkeiten auszuschöpfen: Der Athlet oder die Athletin versucht alles Mögliche um seine/ihre Träume und Ziele ohne Einschränkungen zu erreichen. Er sucht auch in aussichtslosen Situationen und bei scheinbaren Grenzen nach Wegen um diese zu überwinden. Sie verpflichten sich es zumindest es zu versuchen. Um die eigenen Grenzen zu maximieren, suchen sie Hilfe bei Trainern, Therapeuten, Sportpsychologen und besseren Materialien.

Der bereits zurückgetretene österreichische Schisuperstar Marcel Hirscher war ein Paradebeispiel eines akribischen Athleten. Er wollte nicht nur auf Sicherheitsabstand zur seinen MitstreiterInnen gehen, sondern es ging ihm auch allgemein darum, sein Leistungspotential maximal auszuschöpfen. Neben einem perfektionierten Trainingsprozess zählte hierzu auch das akribische Austesten des Materials. Der perfekte Schi, für das perfekte Rennen.

Leider gibt es auch im österreichischen Sport noch sehr viele Trainer, Funktionäre und auch Athleten, welche der festen Überzeugung sind, dass Mentaltraining und Sportpsychologie unnütz sind. Ich möchte an dieser Stelle auch keine Namen nennen, doch bei einer eigenständigen Google-Recherche wird man ohnehin schnell fündig. Namhafte Sportakteure mit sehr hoher medialer Reichweite, machen häufig keinen Hehl daraus, was diese von der Sportpsychologie halten, ohne jemals ernsthaft mit Ihnen zusammengearbeitet zu haben. Auch wenn es sich dabei auch um erfolgreiche Personen aus dem Sport handelt, kann man sich einen Reim daraus machen, wie stark auch Diese mit idealen sportpsychologischen Entwicklungsbedingungen wären.

Denn gerade die Haltung nach Perfektion, nicht nur körperlich, taktisch und spielerisch, sondern vor allem auch in mentaler Exzellenz, stellt eine wichtige Säule zum idealen Athleten dar.

Gesundheitlicher Hinweis zum athletischen Ehrenkodex

Dieser Beitrag fokussiert sich auf die eingangs fokussierte Fragestellung, was wahre Athleten auf Grundlage der sogenannten sport ethics (= Ehrenkodex) ausmacht. Was in diesem Beitrag nicht zentral thematisiert wurde, sind die möglichen gesundheitlichen Folgen exzessiven Sporttreibens (z.B. Knorpelschäden, Kreuzbandrisse, Schädel-Hirn-Verletzungen, Tod). Nichtdestotrotz sprechen wir ja auch von mentalen Voraussetzungen von Spitzensport auf höchstem Niveau, und das sind keine Wohlfühlzonen. Neben der Sensibilisierung zu einem verantwortungsvollen Risikobewusstsein, legen wahre Athleten auch einen besonderen Wert auf Trainingseinheiten zur gesundheitlichen Prävention. Eine entsprechende Beratung durch Spezialisten kann ich an dieser Stellen nicht nur AthletInnen, TrainerInnen und FunktionärInnen, sondern auch Eltern ans Herz legen.

Ein Training und Beratung zur Sensibilisierung einer optimalen athletischen Einstellung zum athletischen Ehrenkodex ist durchaus sinnvoll. Nicht für Ruhm und Ehre, sondern vor allem auch für eine smarte Karriereplanung hinsichtlich der körperlichen Gesundheit. Denn auch im Spitzensport gilt:

„Die körperliche Gesundheit ist das Kapital eines jeden Athleten!“

Verwendete Literatur:

  • Hughes, R. & Coakley, J. (1991). Positive Deviance Among Athletes: The Implications of Overconformity to the Sport Ethic. Sociology of Sport Journal, 8, 307-325.
  • Schuster, Mario (2011) Einfluss des motivationalen Trainingsklimas auf die exzessive Verausgabungsbereitschaft und dem damit verbundenen Verletzungsrisiko.
    Magisterarbeit, Universität Wien. Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport
    BetreuerIn: Würth, Sabine (Benotung: sehr gut)

Mario Schuster

Der Gründer und Autor Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe, Sportwissenschafter und ausgebildeter Fachtrainer in der Erwachsenenbildung (nach ISO 17024). Zusätzlich zu seiner Zertifizierung als Arbeits- und Organisationspsychologe ist er Mitglied im ÖBS (Österreichisches Bundesnetzwerk für Sportpsychologie). In seinem ersten Berufsleben war er jahrelang als Sportwissenschafter im Reha- und Gesundheitsmanagement tätig und hat am 1. Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt im Brennpunkt Psychologie der Digitalisierung.

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